Sonntag, 24. Oktober 2010

Tag 22, Beijing

Wir gehen in Mikes alte Nachbarschaft auf einen Markt. Ich kaufe ein paar neue, alte Hosen für 2 Franken, da ich keine Zeit habe das andere Paar zu waschen. Auf dem Markt gibt es alles und wie immer steuern wir auf die Antiquitätenläden zu und da passiert es. Ich habe Mike erzählt, dass ich bisher von jeder längeren Reise eine Statue mitgebracht habe und er die Augen offen halten soll. Wie alle guten Läden von aussen unscheinbar, finden wir, versteckt hinter falschen Vasen, eine weisse Marmorstatue. Ich bin kein Experte, aber mit der Übung der letzten Tage sehe auch ich, dass hier etwas Besonderes vorliegt. Wunderbar geschnitzt, als guter Anhaltspunkt eignen sich immer die Füsse, weil der Künstler für sie Erfahrung und Feingefühl braucht, sie sind perfekt. Jedes Detail ist wunderbar ausgearbeitet. Ich nicke Mike zu, versuche nicht allzu begeistert auszusehen, um den Preis niedrig zu halten und für 500 Yuan bekomme ich sie.






Kaum sind wir draussen, beginnt die Diskussion, er habe eine wunderschönen Bronzebuddha, den er gerne für meine Göttin eintauschen würde, die Statue gehe doch bei der Verschiffung nach Europa kaputt, ich nicke nur unbestimmt. Schon länger bin ich der Überzeugung, dass die schweizer Mentalität gut zur chinesischen passt, beide mäandrieren um klare Positionen herum, bleiben gerne unbestimmt, euphemistisch, verniedlichen, verlieren sich in Höflichkeiten, streuen Witze und Belanglosigkeiten ein, um die Schärfe zu nehmen. Eigentlich hat er mich in der Hand, er hat verhandelt, ohne ihn wäre ich nie in diesen Laden gekommen. Ich will ihn nicht verärgern und auch er betont, wenn mir so viel an der Statue liege, würde er sie mir gerne geben, schliesslich seien wir Freunde. Doch beide wissen voneinander, dass der Andere regelrecht von der Statue besessen ist, so etwas hat weder er noch ich je auf einem Markt gesehen. In diesem Zusammenhang habe ich etwas gelesen, dass sich hier schon oft als wahr entpuppt hat;

China ist im Gegensatz zu westlichen Staaten eine "High Context Culture". Das bedeutet, dass auf schriftliche Verträge weniger Wert gelegt wird und eine persönliche, freundschaftliche Beziehung zum Geschäftspartner von extremer Bedeutung ist. In China kommt es auch zu einer viel stärkeren Vermischung von Privatem und Geschäftlichem als in westlichen Kulturen. Im schlimmsten Fall kann dies bedeuten, dass der chinesische Geschäftspartner den westlichen Partner am Ende der Verhandlungen ohne moralische Bedenken austrickst, da keine persönliche Beziehung aufgebaut wurde. Im besten Fall kann es dazu führen, dass ein chinesischer Partner ein äußerst lukratives Angebot eines Konkurrenten ausschlägt, um die gute Beziehung nicht zu gefährden.

Als sich das Gespräch zu einer Entscheidung zuspitzt, lenke ich ab, indem ich vorschlage, essen zu gehen. Zum ersten Mal in China esse ich Fondue Chinoise in Mikes Lieblingsladen, soviel Bier, Fleisch, Pilze, Fische, Nudeln, Meeresfrüchte wie man runter bekommt. Schon seit einigen Tagen, rät mir Mike, prophylaktisch möglichst viel zu essen, um für das hungernde Nordkorea gerüstet zu sein. Nach seiner Vorstellung leben die Menschen dort noch in Höhlen. Wir sitzen etwa drei Stunden und zum ersten Mal in diesem Land bin ich richtig satt. So gut das Essen hier ist, nahrhaft ist es nicht, fast keine Kohlenhydrate, viel mageres Fleisch, Gemüse, Suppe, was sich bemerkbar macht, seit meinen Teenagerjahren war ich nicht mehr so dünn.



Wie eigentlich immer, wenn ich durch die Strassen gehe, winken Kinder, schauen mich gross an, sagen „hello“. Man sagt ja, Kinder wären überall gleich. Das ist einfach nicht wahr. Die Kinder hier sind fröhlicher, natürlicher und vor allem selbstständiger. Von den reitenden Nomadenkinder in der Mongolei bis zum vielleicht vierjährigen Mädchen, dass den Boden im Coiffeursalon der Mutter wischt. Auch der Umgang ist normaler als bei uns, die Kinder sind überall, selbst in Beijing laufen sie im Viertel teilweise frei herum, können ihre Welt selbst erkunden. Heute morgen hat mir ein vielleicht sechsjähriges Mädchen den Weg zu einem Laden gezeigt, woes meinen geliebten Joghurtdrink gibt, nahm mich einfach an der Hand und führte mich hin. In Zürich hätte man sie da schon zur Fahndung ausgeschrieben und ich wäre als Kidnapper oder Pädophiler gelyncht worden. Aufgrund der chinesischen Familienpolitik sind es meist Einzelkinder und man merkt auch bei den Erwachsenen, dass ihnen Teilen nicht im Blut liegt. So schaut mich Mike immer etwas verblüfft an, wenn ich im Zug mein Essen den anderen Fahrgästen geradezu aufdränge, wie ich es mir in Russland und der Mongolei angewöhnt habe. Auch die Fahrgäste wissen nicht so recht, wie sie mit meiner Freigiebigkeit umgehen sollen, die vor allem zum Ziel hat eine gute Atmosphäre zu schaffen, denn ablehnen gilt als grob unhöflich, also gibt es Szenen wie die Folgende; Ich gebe einem Mitreisenden eine Zigarette, er gibt mir später eine zurück, ein Anderer steigt ein, weil er denkt, dass man das in meinem Land so macht und nicht als ungebildet erscheinen will und so sind in meiner Packung immer mindestens drei verschiedene Sorten. Oder jemand schenkt mir ein Feuerzeug im Gegenzug für das sehr begehrte schweizer Kleingeld, das wie vieles aus der Schweiz von einer Art Mythos umgeben ist, muss mich aber den Rest der Fahrt um Feuer bitten.

Wir gehen zu Mike nach Hause (welches wie ich erfahre etwa 500 Yuan also um die 70 Franken Miete im Monat kostet, ein Umstand der mich die Preise hier endlich ins richtige Verhältnis rücken lässt) und trinken Tee. Um die Entscheidung über den Besitzer der Statue nicht fällen zu müssen, lege ich sie dicht neben, nicht aber in die Kiste, welche ich in die Schweiz schicken möchte.

Beide sind froh, die Statue nicht mehr zwischen uns zu haben und wir gehen auf einen riesigen Lebensmittelmarkt. Dort hat Mike sein Teemädchen. Sie sieht auf den ersten Blick aus wie 17, wie so viele der Mädchen hier, auch wenn sie doppelt so alt sind. Sie ist 22 und es ist ihr Laden. Das Land wird von Frauen geführt, Frauen und jungen Menschen. Vorhin waren wir auf der Post, um ein Formular zu holen, sie wird von einer Gruppe Jugendlicher um die 20 geleitet. Das Mädchen gefällt mir, wir trinken Tee, lachen viel, schauen uns neugierig an, während Mike irgendwo herum streift. Am Schluss kaufe ich viel mehr Tee, als ich eigentlich wollte. Kein Wunder hat sie ihren eigenen Laden.








Montag, 18. Oktober 2010

Tag 20/21, Grosse Mauer, Zhang Jia Kou / Verbotene Stadt

Im Morgengrauen gehen wir durch die ungewohnt leere Stadt, erst am Bahnhof finden sich wieder die gewohnten Menschenmassen. Wir klettern auf das oberste der drei Etagenbetten und schlafen ein paar Stunden, bevor wir in Zhangjiakou ankommen. Diese kleine Stadt, wie sie Mike nennt hat um die 800'000 Einwohner und war in seiner Geschichte schon immer ein militärischer Vorposten der Hauptstadt, „Pekings Nordtor“. Aus diesem Grund war sie auch bis vor ein paar Jahren für Ausländer gesperrt.



Viele chinesische Touristen sind im Zug, kehren vom Feiertagsfest in Beijing in ihre Provinz zurück. Der Feiertag ist, zumindest in diesem Jahr, nicht so wie man ihn sich vorstellt, es gibt keine Paraden, keine Panzer, nicht einmal Hinrichtungen, der einzige Unterschied zu einer normalen Woche sind die vielen chinesischen Flaggen und die verdoppelte Bevölkerungszahl. Als wir durch die Stadt gehen, werde ich noch mehr angeschaut als in Beijing- Obwohl wir zwei Stunden durch die Stadt gehen, essen, einen Regenschutz kaufen, sehe ich keine anderen Ausländer. Eine ältere Frau am anderen Tisch spricht mich auf englisch an, als Mike auf der Toilette ist, fragt ob ich hier arbeite. Ich sage, ich sei Tourist und wegen der Mauer hier, was sie ziemlich zu verwirren scheint. Sie stellt mich ihren Begleiterinnen vor. Diese stammen aus Japan, arbeiten hier in einer neu gegründeten japanischen Schule als Lehrer und kichern überrascht, als ich meine japanischen Begrüssungsfloskeln raus krame. Ihre Mienen klären sich auf, als Mike zurückkehrt, die Frau sagt, „ah, you have chinese friend, that's why you come here.“
Mike erklärt, dass die Stadt für Touristen nicht attraktiv ist, es sei schwer, sich in den engen, nur chinesisch angeschriebenen Gassen zurechtzufinden, weiter ist es zeitweise beinahe unmöglich einen Zug zurück nach Beijing zu finden und schliesslich gibt es hier nur die originale Mauer und nicht die „New Wall“, wie sie von den Chinesen genannt wird, also die restaurierte Mauer für Touristen, die man auf allen Bildern sieht. Es regnet und die Strassen gleichen Schlammrutschbahnen, nach einer Weile erreichen wir die Mauer. Für einmal hält der Namen auch in China, was er verspricht, es ist eine grosse, lange Mauer. Nach einem Gewaltmarsch durch die wunderschöne Landschaft und über tausende von Treppen, triefend vor Regen und Schweiss, kommen wir oben an. Der Anblick ist atemberaubend, Nebel verhangene Hügel, kleine Türmchen darauf, gewissen Bergregionen in der Schweiz nicht unähnlich.
Wir stehen vor einem Mauerabschnitt, schon ziemlich weit weg vom offiziellen Teil und Mike sagt, dass er hier schon immer mal über die Mauer balancieren wollte, seit er als Kind das erste Mal hier war und bevor er zu alt dafür werde. Ich bin kein grosser Freund von Höhen, die Mauer ist oben vielleicht 30 cm breit und stellenweise 5 Meter hoch, aber ich nicke.





Zum ersten Mal bereue ich es, nur meine Adidas-Turnschuhe mitgenommen zu haben. Die Mauer ist nicht viel mehr als eine Ansammlung loser Steine, die links und rechts hinunter purzeln, als ich, zeitweise auf allen Vieren, über sie steige. Der Vorteil bei Turnschuhen ist, dass man den Untergrund durch die Sohlen merkt, die Stabilität der Steine also besser erkennt, der Nachteil, dass meine Füsse schon den ganzen Tag nass sind, die Stadt war eine grosse Pfütze. Ich schaue nach Mike, entdecke, dass er chinesische Schuhe trägt, die bei uns wohl als Balettschuhe gelten würden und muss lächeln.
Nach vielleicht einer Stunde Kraxelei über die Mauer, merken wir, dass die Mauer zu Ende ist. Ein Berg tut sich vor uns auf und dient als natürliche Mauer. Zurück können wir nicht, also klettern wir die Mauer senkrecht hinunter. Habe ich schon erwähnt, dass ich kein grosser Freund von Höhen bin? Ich rutsche etwa in der Hälfte ab und reisse mir die Hand auf. Unten betrachtet Mike die Hand, fragt, ob ich für die Reise versichert bin. Ich nicke, er sagt, dann sei es ja kein Problem und lacht. Ich denke, dass ich beinahe von der chinesischen Mauer geflogen wäre und daran, dass sich das im Nachruf äusserst gut machen würde und lache ebenfalls. Wir sind im Nirgendwo und daran, dass mich Mike mich fragt, welchen Weg wir einschlagen sollen, merke ich, dass wir uns verirrt haben. Tal ist immer gut, sage ich nach einer Weile und er stimmt zu. Wir gehen durch nasses, dichtes Gebüsch, klettern hinauf und hinunter, bis wir nach einer Weile eine verrostete Wasserleitung entdecken und dieser folgen. Ich rutsche aus und versaue mir mein einziges paar lange Hosen.




Als es dunkel zu werden beginnt kommen wir zu einem Haus und frage nach dem Weg. Wir nehmen einen Sammelbus und die Leute schauen uns tuschelnd an, zwei nasse, schmutzige Männer, einer mit Beijing Dialekt, der andere mit Blut verkrusteter Hand. Der Zug hat Verspätung, über eine Stunde, ich höre Roy Harpers Stormcock, Mike liest in seinem Antiquitätenbuch.
Als wir Richtung Speisewagen gehen, sind ausnahmslos alle Augenpaare auf mich gerichtet, Leute stupsen sich an und zeigen auf mich. Von der Kletterei immer noch in einer Art erschöpften, urtümlichen Trance, senke ich nicht wie sonst den Kopf und gehe weiter, sondern erwidere die Blicke, starre gewisse, besonders aufdringliche Blicke regelrecht nieder, nehme es nicht hin, ausgestelltes, exotisches Tier im Zoo zu sein, heute nicht. Im hoffnungslos überfüllten Zug finden wir, entgegen aller Wahrscheinlichkeit, zuhinterst im Speisewagen zwei freie Plätze, zahlen gerne die 30 Yuan, obwohl wir nicht hungrig sind.



Neben uns im Speisewagen sitzen ziemlich merkwürdige Gestalten, trinken ein Bier nach dem Anderen, schreien herum, spucken die Schalen der Pistazien auf den Tisch, Mike flüstert mir in einem günstigen Moment zu, dass unsere Tischnachbarn Triaden seien. Das erklärt auch, weshalb die Plätze noch frei waren, niemand wagt es, sich hinzusetzen. Ich würde wirklich gerne ein Foto machen, denke, aber, dass ich heute schon genug Blessuren in Kauf genommen habe. Sie sind die einzigen im Wagen, die rauchen, obwohl es verboten ist und übertragen dieses Privileg auf uns, drängen uns geradezu, mit ihnen mit zu rauchen. Ich tue so, als würde ich die Bilder auf meiner Kamera betrachten und mache unauffällig zwei Fotos, die aber nicht viel hergeben. Mike kennt diese Taktik von mir und schüttelt unmerklich und wie mir scheint ernstlich beunruhigt den Kopf. Die Triaden gehen in ihr Abteil und auch danach setzt sich niemand auf ihren Platz, obwohl die Gänge voll von stehenden Leuten sind.



Nach Elf fahren in Beijing keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr, die Stadt hat um diese Zeit viel von einem Provinzstädtchen, wir nehmen ein Taxi und zuhause falle ich ins Bett.

Der Morgen ist übel, die Opernsängerin ein Zimmer weiter übt schon seit acht für irgendeinen Auftritt und alle Glieder meines Körpers schmerzen. Zum ersten Mal seit Beginn meiner Reise habe ich eine echte Sinnkrise, stelle das ganze Unterfangen in Frage, das chinesische Geschrei draussen nervt mich, die hupenden Motorräder und Autos in meiner Gasse nerven mich, dass es hier kein anständiges Brot oder Milch zum Frühstück gibt, nervt mich. Mike hat mir erzählt, dass die Leute in Beijing keine Milch trinken, weil der Transport hierher mehrere Wochen dauert und sie der Echtheit der hier angebotenen Milch nicht vertrauen.
Der Tag will nicht besser werden, die Alte in meinem Lieblingsrestaurant stellt mir Lebersuppe hin, eines der wenigen Gerichte, die bei mir Brechreiz auslösen. Ich bestelle etwas anderes dazu, esse nur das und tue so, als hätte ich einen wichtigen Termin, um sie nicht damit zu kränken, dass ich die Suppe stehen lasse. Auf dem Tiananmen-Platz hat es noch mehr Menschen als gestern. An einem Tiefpunkt angekommen, beschliesse ich das zu tun, was mich immer aufzuheitern vermag. Ich gehe in ein Teehaus, das mir wie eine Oase inmitten des Chaos erscheint, trinke ein paar Bier, suche auf meinem iPod nach „Back To Mono“ von Phil Spector und gehe, leicht angeheitert zu den besten Klängen, welche die Jahre 1958-1969 zu bieten haben, zur verbotenen Stadt. Ich treibe mit der Menge, zwinkere den mich angaffenden Touristen aus der Provinz zu, rauche, sitze in der Sonne, betrachte die Pedalos im Zhongnanhai.







Meine Laune ist vollends wieder hergestellt, als ich nach Hause komme und folgende E-Mail von Djerra aus Ulaan Baatar lese:

Hallo mein Trinkfreund,
Ich habe ne Neuigkeit. Ich war bei der zustaendigen Amt wegen der Name von der Firma. Lupus, Bussard Highland und OMG, diese 4-Namen habe ich gegeben und was passiert!!! alle Namen ausser OMG wurden vergeben und ich habe der Name OMG bekommen. Ein Glueck, das du hier warst und diese Idee mir gegeben hast. danke mein Freund!
Wo bist jetzt gerade unterwegs Philip?

schoene Gruesse aus der Mongolei
Die Tuer in die Mongolei ist fuer dich IMMER offen und ausserdem warten deine Pferde auf dich.
Jagaa


OMG repräsentiert in Zukunft also auch in der Mongolei, denke ich, grinse vor mich hin und döse weg, während die Frau nebenan zu einer neuen Arie ansetzt.

Tag 19, Beijing

1. Oktober, Nationalfeiertag. Man kann sich nicht vorstellen, wie viele Leute auf einen Gehsteig, in einen Bus, eine U-Bahn, ein Restaurant passen, wenn man nicht an einem Feiertag in Beijing war. Aus dem ganzen Land kommen Menschen hierher, schon vom Morgen an liegt dichter Smog über der Stadt, manchmal ist er so stark, dass man nur 50 Meter weit sehen kann. Leute kollabieren in den Unterführungen und Metrostationen, die ganze Stadt ist ein Geschiebe, Geremple, Gefluche, Gespucke aber auch Gelächter und Gesinge.






Durch einen unglaublichen Zufall treffe ich, Musik hörend und durch die Menge treibend, Ruth und Chris aus dem Zug vor einer U-Bahnstation. Die Wiedersehensfreude ist gross. Alle haben das Bedürfnis, aus der Masse raus zu kommen und so gehen wir in meine Hood (-ong), zu meiner alten Dame essen. Es ist bemerkenswert, nur ein paar Schritte weg von der Hauptrasse in meine Gasse und es ist ruhig, beinahe verschlafen, von der Grossstadt in ein Dorf in ein paar Minuten. Die Alte freut sich sichtlich, dass ich ihr Kundschaft bringe und fährt grosses Geschütz auf, Leber mit Chili und Reis, dazu einen ganzen Fisch, der immer noch in der Pfanne kocht. Chris fühlt sich schon seit ein paar Tagen nicht wohl, hat die halbe Nacht auf der Toilette verbracht und der uns aus erloschenen Augen anschauende Fisch mit Chili überwältigt ihn geradezu. Er isst etwas Reis, während Ruth und ich zuschlagen. Ich berichte der Alten von Chris Problemen und sie bringt denselben scheusslichen Tee, den ich vor ein paar Tagen getrunken habe und schaue amüsiert zu, wie Chris ihn hinunter würgt. Ruth und Chris streiten sich wegen irgendeiner Nichtigkeit, vielleicht auch nur, weil ihnen bewusst wird, dass sie morgen ihn ihr richtiges Leben zurück müssen und nicht zum ersten Mal bin ich froh, alleine zu reisen. Vor der Abreise hatte ich Angst vor der Einsamkeit, bisher ist eher das Gegenteil der Fall. Auch wenn die Gespräche oft nicht allzu tiefgründig sind, ist immer jemand da, mit dem man plaudern kann, oft mehr als einem lieb ist. Die Momente der Ruhe und Einsamkeit sind selten und kostbar. Was ich vermisse, ist die Selbstsicherheit, die man nur als Bürger im eigenen Land hat, die Freiheit, sich daneben zu benehmen und die Grenzen des Möglichen klar zu kennen.

Weg von den Massen gehen wir zum Himmelspalast, einer wunderschönen, englisch anmutenden Parkanlage. Die Leute schlendern gemütlich, Katzen überall, aus dem Wald dringen wunderschöne Klänge. Zwei Alte musizieren in einem Torbogen.




















Das Licht ist schon den ganzen Tag merkwürdig zwielichtig. Die Luft riecht, als würde in der Nähe ein grosses Feuer toben. Ich denke schon den ganzen Tag, mein rauer Hals komme von der Raucherei, aber ich glaube es liegt an der schlechten Luft. Eine Stunde früher als gewöhnlich wird es dunkel, wahrscheinlich hat es nichts mit der schwindenden Sonne zu tun, der Smog wird einfach dichter. Wir gehen zur U-Bahn, verabschieden uns herzlich, ich wünsche ihnen einen guten, jetlagfreien ersten Tag am Montag im Büro und denke zum ersten Mal, wie weit Europa, Montagmorgen, Wochenende, Vortrittlassen, Rauchverbot, Sarkasmus, ja nur schon Schweizerdeutsch von mir entfernt sind. Als hätte es die 27 Jahre in der Schweiz nie gegeben.
Ich döse in meinem Zimmer vor mich hin, höre die letzte Kurzgeschichte der „Drei Stunden zwischen zwei Flügen“ von F. Scott Fitzgerald, die ich mir wie einen Schatz aufgehoben habe, als es an die Tür klopft. Mike und ein Schwede namens Arvid stehen da, fragen, ob ich auf ein Bier mitkomme. Gestern habe ich diese heruntergekommene Kneipe mit erstaunlich grosser Bierauswahl entdeckt, sie haben sogar Tuborg da, also gehen wir dahin. Arvid ist heute erst angekommen und fliegt morgen nach Nordkorea, um das Arirang-Festival zu sehen und danach wieder zurück, was mich natürlich sehr interessiert. Wir tauschen gelesene Gerüchte und Geschichten über Kim Jong Il und seine Kinder aus, die gerade gestern zu Generälen ernannt wurden. Er sagt, dass ich mein Natel hier lassen soll, wenn möglich, es werde am Zoll konfisziert und manchmal bekomme man es nicht zurück. Auch soll ich vorsichtig sein, sein Reisebüro habe ihn gebeten, ein Paket aus Nordkorea zurück nach Schweden zu bringen und ein Freund von Arvid, der dies letztes Jahr gemacht hat, habe am Zoll gemerkt, dass es nordkoreanische Propaganda enthielt, deren Ausfuhr strengstens verboten, aber in gewissen Kreisen teuer und begehrt ist.
Es ist ein spezielles Gefühl, Teil dieser Reisegemeinschaft zu sein, in einem Beijinger Hinterhof Reisetipps auszutauschen. Arvids erste Asienreise war vor zehn Jahren, während der er auch Mike kennengelernt hat. Zum Abschied stimmen wir darin überein, dass Reisen in diese Region der Welt ein ungeheures Suchtpotential bergen. So wohl ich mich auch in meinem Hutong fühle, so stark merke ich auch das Bedürfnis, weiter zu ziehen. Ganz nebenbei eröffnet mir Mike, dass ich morgen um fünf Uhr in der Früh vor seiner Haustüre stehen soll, weil wir uns auf die Reise zur grossen Mauer machen werden.

Freitag, 8. Oktober 2010

Tag 18, Beijing: Antiquitätenmarkt

Am nächsten Morgen geht es mir aber besser. Wir gehen auf einen Antiquitätenmarkt und erstaunt stelle ich fest, dass ich der einzige Ausländer bin. Beijing ist vielerlei Hinsicht eine Fassadenstadt, die Touristenströme werden effektiv und geübt entlang der Sehenswürdigkeiten gelotst, aufgrund der enormen Menschendichte fallen die paar Ausländer zudem nicht auf. Wie auf meiner gesamten bisherigen Reise, bewahrheitet sich auch hier. Ein guter Guide oder lokaler Bekannter ist mehr wert als alle Tipps, Karten und Reiseliteratur zusammen. Auf den ersten Blick kostet er zwar etwas mehr, als wenn man selbst gehen würde, doch spart man enorm Nerven und lernt das Land auf grundlegend andere Weise kennen.


Mit Mike habe ich ein besonderes Arrangement, ich lade ihn zum Essen ein, zahle die U-Bahn und Taxifahrten, wenn wir zusammen sind, kaufe ab und zu eine seiner Antiquitäten ab und gebe ihm am Schluss einen kleinen Betrag. Er lebt geschieden oder getrennt, und sieht seinen Sohn nur ab und zu und ich glaube er ist froh, einen Gefährten zu haben. Oft sitze ich einfach nur bei ihm herum, trinke Tee, tippe in meinen Laptop, während er an der Börse spekuliert. Er ist für mich, vielmehr noch als die riesigen Industriequartiere und gewaltigen Bürogebäude das wahre Sinndild für Chinas Potential.



So sitzt er in seinem Hutong, das vielleicht so gross wie mein Schlafzimmer ist, ihm als Büro, Bett und Essraum dient, voll gestopft ist mit Antiquitäten und Photos seiner Touren, während er drei Jobs gleichzeitig hat, Tourguide, Börsenspekulant (wie etwa 15 % der chinesischen Bevölkerung) und Antiquitätenhändler.








 
Er zeigt mir ein Buch mit Grüssen, Danksagungen, Visitenkarten seiner Gäste aus aller Welt, die er in den letzten 20 Jahren angesammelt hat.






Wir sind also auf dem Markt, unzählige Gassen, Tücher am Boden, darauf die Scherben, Schmuckstücke, Vasen, Statuen, Bücher, Leinwände, alten Fotoapparaten und Sonnenbrillen, Uniformen, Helme, Bajonette aus der Maozeit, Steine und hundert andere Dinge. Als ich frage, wieviel Prozent der Dinge hier gefälscht ist, sagt Mike „90%“ und nach einer Weile „maybe 99%“. Die Chinesen sind Meister des Kopierens und alt- aussehen -lassens. Man könnte ihnen eine Ikea-Vase geben und einen Tag später sähe sie aus, als stamme sie aus der Tang-Dynastie. Mike kauft einige Scherben, die einfacher auf Echtheit zu überprüfen sind als ganze Vasen, wegen der Struktur der Bruchstelle und für mich einen shu zhu oder mala, einen buddhistischen Rosenkranz. Er ist echt und „very old“, was hier als Synonym für hochstehend gilt, die Perlen sind aus Hirschhorn gemacht und sehen wirklich echt aus. Zum entscheidenden Urteil gehen wir zu einem Freund von Mike, trinken Tee und er begutachtet meinen shu zhu. Nach einer Weile nickt er.



Im Buddhismus stehen die 108 Perlen des shu zhu für die 108 Bände der gesammelten Lehren Buddhas. Im Hinduismus stehen die 108 Perlen für 108 Namen oder Attribute der angebeteten Gottheit. Es gibt auch dutzende andere Erklärungen (Stichwort Klesha, Störgefühle) für die Zahl 108, jedenfalls ist sie den Buddhisten heilig. Der Tempel, den ich in der Mongolei besucht habe, hatte auch 108 Treppenstufen. Bei jeder Perle sagt/denkt man ein Gebet oder Mantra, die Analphabeten, zählen auch oft nur.
Zurück in Mikes Hütte zähle ich mit dem Daumen die Perlen, nach all dem Schein und den Fälschungen will ich etwas Echtes, etwas, das stimmt. Zuerst sind es 110, dann 109 und seitdem immer 108.